LIEBLINGSTEXTE

Paul Fleming

Sei dennoch unverzagt!

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir's gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan



Gedancken über der Zeit

Paul Fleming (1609-1640)


Ihr lebet in der Zeit
und kennt doch keine Zeit
So wisst Ihr Menschen nicht
von und in was Ihr seyd.

Diß wisst Ihr daß ihr seyd
in einer Zeit geboren.
Und daß ihr werdet auch
in einer Zeit verloren.

Was aber war die Zeit
die euch in sich gebracht?
Und was wird diese seyn
die euch zu nichts mehr macht?

Die Zeit ist was und nichts.
Der Mensch in gleichem Falle.
Doch was dasselbe was
und nichts sey zweifeln alle.

Die Zeit die stirbt in sich
und zeucht sich auch aus sich.
Diß kommt aus mir und dir
von dem du bist und ich

Der Mensch ist in der Zeit;
sie ist in ihm ingleichen.
Doch aber muß der Mensch
wenn sie noch bleibet weichen.


Die Zeit ist was ihr seyd
und ihr seyd was die Zeit
Nur daß ihr wenger noch
als was die Zeit ist seyd.

Ach daß doch jene Zeit
die ohne Zeit ist käme
Und uns aus dieser Zeit
in ihre Zeiten nähme.

Und aus uns selbsten uns
daß wir gleich könnten seyn
Wie der itzt jener Zeit
die keine Zeit geht ein.

ZU JOHANNES DEM TÄUFER SPRACH HERMANN DER SÄUFER

Alles ist mir ganz willkommen,
Lass uns weiter schlendern!
So hat's seinen Lauf genommen,
Nichts ist mehr zu ändern.
Schau, ich bin ein leeres Haus,
Tür und Fenster offen,
Geister taumeln ein und aus,
Alle sind besoffen.
Du hingegen hast noch Geld,
Zahle was zu trinken,
Voller Freuden ist die Welt,
Schade, dass sie stinken.

Andre Dichter trinken auch,
Dichten aber nüchtern,
Umgekehrt hab ich's im Brauch,
Nüchtern bin ich schüchtern.
Aber so beim zehnten Glas
Geht die Logik flöten,
Dann macht mir das Dichten Spaß.
Ohne zu erröten,
Preise ich des Daseins Frist,
Lobe aus dem Vollen,
Bin Bejahungsspezialist,
Wie's die Bürger wollen.

Wer des Lebens Wonnen kennt,
Mag das Maul sich lecken.
Außerdem ist uns vergönnt,
Morgen zu verrecken.

(Hermann Hesse, 1925/26)

Friedrich Nietzsche: "Die Krähen schrei'n" – 

"Vereinsamt" – "Der Freigeist" – "Abschied" – "Heimweh" – "Aus der Wüste"

 

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg', Vogel, schnarr'
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck' du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n –
Weh dem, der keine Heimat hat!

Johann Gottfried Herder
Lied des Lebens

Flüchtiger als Wind und Welle
Flieht die Zeit; was hält sie auf?
Sie genießen auf der Stelle,
Sie ergreifen schnell im Lauf;
Das, ihr Brüder, hält ihr Schweben,
Hält die Flucht der Tage ein.
Schneller Gang ist unser Leben,
Laßt uns Rosen auf ihn streun.

 

Rosen; denn die Tage sinken
In des Winters Nebelmeer.
Rosen; denn sie blühn und blinken
Links und rechts noch um uns her.
Rosen stehn auf jedem Zweige
Jeder schönen Jugendtat.
Wohl ihm, der bis auf die Neige
Rein gelebt sein Leben hat.

 

Tage, werdet uns zum Kranze
Der des Greises Schläf' umzieht
Und um sie in frischem Glanze
Wie ein Traum der Jugend blüht.
Auch die dunkeln Blumen kühlen
Uns mit Ruhe, doppelt-süß;
Und die lauen Lüfte spielen
Freundlich uns ins Paradies.

Wähne nicht

Wähne nicht, daß in dem Weltgewühle,
Je ein Herz so wie das Deine fühle,
Daß ein andres folge Deiner Spur.
Wähne nicht, in sehnendem Umschlingen,
Andrer Herzen also durchzudringen,
Daß sie mit dem Deinen eines nur.


Einsam bist du, ob die bunte Menge,
Lobend oder tadelnd Dich umdränge,
Einsam in dem Kampf wie in der Ruh!
Einsam, bei der Freunde Scheinerbarmen,
Einsam selbst in Deines Liebsten Armen,
Denn sie alle sind nur sie, nicht Du.

Lerne drum, aus ihrem Kreis verschwinden,
Dich in Deiner eigenen Brust zurechtzufinden,
Lerne Du, Dein eigener Freund zu sein!
Alle Schwüre, die sie Dir versprechen,
Unwillkürlich werden sie sie brechen.
Deines Lebens Losung heißt: Allein!

Betty Paoli

Barbara Elisabeth (Anna) Glück

(1814 – 1894)

So trollen wir uns

Carl Michael Bellmann (1740 – 1785)

So trolln wir uns ganz fromm und sacht
vom Weingelag und Freudenschmaus,
wenn uns der Tod ruft: Gute Nacht,
dein Stundenglas rinnt aus.
Wer heut noch frech den Schnabel wetzt
und glaubt ein großer Herr zu sein:
Paß auf, der Schreiner hobelt jetzt
schon grad an deinem Schrein!

Doch scheint das Grab dir tief und dumpf sein Druck
a la vot, so nimm noch einen Schluck
und noch einen hinterher, und noch zweie, dreie mehr
dann stirbst du nicht so schwer.

Wer nach des andern Liebster schielt
und hält sich noch als Nobelmann
paß auf, dem Spielmann, der dir spielt,
springst du ins Grab voran
Und du der blind vor Eifersucht
zerschmiß einst jedes Glas im Saal
wenn dich der Tod im Bett besucht
lang lebe dein Rival


Scheint das Grab dir tief und dumpf sein Druck
a la vot, so nimm noch einen Schluck
und noch einen gleich dabei und noch zwei und manchmal  drei
dann stirbst Du sorgenfrei


Doch was hilfts wenn du vor Wut ausspuckst
der Tod ist keiner Münze feil
bei jedem Schlückchen, das du schluckst,
schluckt schon der Wurm sein Teil
Ob nied´res Pack, ob hoher Herr,
am Ende sind wir Brüder doch
dann leuchtet uns der Abendstern
ins gleiche finstre Loch
Scheint das Grab dir tief und drumfs sein Druck
a la vot, so nimm noch einen Schluck
und noch einen hinterher und noch zweie, dreie mehr
dann stirbst du nicht so schwer


Sprüche des Confucius - Friedrich Schiller

1.
Dreifach ist der Schritt der Zeit:
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
Ewig still steht die Vergangenheit.

Keine Ungeduld beflügelt
Ihren Schritt, wenn sie verweilt.
Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt
Ihre Lauf, wenn sie enteilt.
Keine Reu', kein Zaubersegen
Kann die Stehende bewegen.

Möchtest du beglückt und weise
Endigen des Lebens Reise,
Nimm die Zögernde zum Rath,
Nicht zum Werkzeug deiner That.
Wähle nicht die Fliehende zum Freund,
Nicht die Bleibende zum Feind.
2.
Dreifach ist des Raumes Maß:
Rastlos fort ohn' Unterlaß
Strebt die Länge: fort ins Weite
Endlos gießet sich die Breite;
Grundlos senkt die Tiefe sich.

Dir ein Bild sind sie gegeben:
Rastlos vorwärts mußt du streben,
Nie ermüdet stille stehn,
Willst du die Vollendung sehn;
Mußt ins Breite dich entfalten,
Soll sich dir die Welt gestalten;
In die Tiefe mußt du steigen,
Soll sich dir das Wesen zeigen.
Nur Beharrung führt zum Ziel,
Nur die Fülle führt zur Klarheit,
Und im Abgrund wohnt die Wahrhe
it.

Blues 


Wenn du nicht froh kannst denken,

Obwohl nichts Hartes dich bedrückt,

Sollst du ein Blümchen verschenken

Aufs Geratewohl von dir gepflückt.

 

Irgendein staubiger, gelber, –

Sei's Hahnenfuß – vom Wegesrand.

Und schenke das Blümchen dir selber

Aus linker Hand an die rechte Hand.

 

Und mache dir eine Verbeugung

Im Spiegel und sage: "Du,

Ich bin der Überzeugung,

Dir setzt man einzig schrecklich zu.

Wie wär's, wenn du jetzt mal sachlich

Fleißig einfach arbeiten tätst?

Später prahle nicht und jetzt lach nicht,

Daß du nicht in Übermut gerätst."

(Hans-Joachim Ringelnatz)

Rainer Maria Rilke

Die Dinge singen hör ich so gern

 

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

 

 

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott.
Sie wissen alles, was wird und war,
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt gerade an Gott.

 

 

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

 

 

Vanitas! Vanitatum Vanitas!

Johann Wolfgang Goethe

 

Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt.   Juchhe!
Drum ist's so wohl mir in der Welt.   Juchhe!
Und wer will mein Kamerade sein,
Der stoße mit an, der stimme mit ein
Bei dieser Neige Wein.

Ich stellt mein Sach auf Geld und Gut.  Juchhe!
Darüber verlor ich Freud und Mut.  O weh!
Die Münze rollte hier und dort,
Und hascht ich sie an einem Ort,
Am andern war sie fort.

Auf Weiber stellt ich nun mein Sach.  Juchhe!
Daher mir kam viel Ungemach.  O weh!
Die Falsche sucht' sich ein ander Teil,
Die Treue macht' mir Langeweil:
Die Beste war nicht feil.

Ich stellt mein Sach auf Ruhm und Ehr.  Juchhe!
Und sieh! gleich hatt ein andrer mehr.  O weh!
Wie ich mich hatt hervorgetan,
Da sahen die Leute scheel mich an,
Hatte keinem recht getan.

 

Ich setzt mein Sach auf Kampf und Krieg.  Juchhe!
Und uns gelang so mancher Sieg.  Juchhe!
Wir zogen in Feindes Land hinein,
Dem Freunde sollt's nicht viel besser sein,
Und ich verlor ein Bein.

Nun hab ich mein Sach auf Nichts gestellt.  Juchhe!
Und mein gehört die ganze Welt.  Juchhe!
Zu Ende geht nun Sang und Schmaus.
Nur trinkt mir alle Neigen aus;
Die letzte muß heraus!

Der Rattenfänger (Goethe)

Ich bin der wohlbekannte Sänger,
Der vielgereiste Rattenfänger,
Den diese altberühmte Stadt
Gewiß besonders nötig hat.
Und wären's Ratten noch so viele,
Und wären Wiesel mit im Spiele;
Von allen säubr' ich diesen Ort
Sie müssen miteinander fort.

Dann ist der gutgelaunte Sänger
Mitunter auch ein Kinderfänger,
Der selbst die wildesten bezwingt,
Wenn er die goldnen Märchen singt.
Und wären Knaben noch so trutzig,
Und wären Mädchen noch so stutzig,
In meine Saiten greif ich ein,
Sie müssen alle hinterdrein.

Dann ist der vielgewandte Sänger
Gelegentlich ein Mädchenfänger;
In keinem Städtchen langt er an,
Wo er's nicht mancher angetan.
Und wären Mädchen noch so blöde,
Und wären Weiber noch so spröde:
Doch allen wird so liebebang
Bei Zaubersaiten und Gesang.


Welt und Ich

 

Im großen ungeheuren Ozeane

Willst du, der Tropfe, dich in dich verschließen?

So wirst du nie zur Perl' zusammen schießen,

Wie dich auch Fluten schütteln und Orkane!

 

Nein! öffne deine innersten Organe

Und mische dich im Leiden und Genießen

Mit allen Strömen, die vorüber fließen;

Dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plane.

 

Und fürchte nicht, so in die Welt versunken,

Dich selbst und dein Ur-Eig'nes zu verlieren:

Der Weg zu dir führt eben durch das Ganze!

 

Erst, wenn du kühn von jedem Wein getrunken,

Wirst du die Kraft im tiefsten Innern spüren,

Die jedem Sturm zu steh'n vermag im Tanze!

 

Christian Friedrich Hebbel  1813 - 1863

 

Das Leben ist ein Traum

Johann Wilhelm Ludwig Gleim  (1719 -1803)

 

Das Leben ist ein Traum!
Wir schlüpfen in die Welt und schweben
Mit jungem Zehn
Und frischem Gaum
Auf ihrem Wehn
Und ihrem Schaum,
Bis wir nicht mehr an Erde kleben:
Und dann, was ist’s, was ist das Leben?
Das Leben ist ein Traum!

Das Leben ist ein Traum!
Wir lieben, uns’re Herzen schlagen,
Und Herz an Herz
Geschmolzen kaum,
Ist Lieb’ und Scherz
Ein lichter Schaum,
Ist hingeschwunden, weggetragen!
Was ist das Leben? hör’ ich fragen:
Das Leben ist ein Traum!

Das Leben ist ein Traum!
Wir denken, zweifeln, werden Weise;
Wir theilen ein
In Art und Raum,
In Licht und Schein,
In Kraut und Baum,
Studiren und gewinnen Preise;
Dann, nah’ am Grabe, sagen Greise:
Das Leben ist ein Traum!